Visitor Center Oberes Belvedere
Zeitraum: 2024
Ort: Wien
Programm: Besucherzentrum / Museum / Bestand (Zubau, Umbau, Sanierung)
Grösse: 4.200m2 BGF
Auftragsart: EU-weit offener, anonymer, einstufiger Realisierungswettbewerb
Auftraggeber: Österreichische Galerie Belvedere
Preis: engere Wahl, Top 9 (82 Einreichungen)
Architektur: Stefan Jos Architektur / Gonçalves Vieira – Cruz
Team: Stefan Jos (Leitung), José Maria Gonçalves Vieira, Tomás Cruz, Gilbert Berthold
Visualisierung: Gonçalves Vieira – Cruz
Modellbau: ─
Fachplaner: Werkraum Ingenieure ZT-GmbH (Tragwerksplanung), 3:0 Landschaftsarchitektur (Landschaftsarchitektur), Norbert Rabl Ziviltechniker GmbH (Brandschutz), TBH Ingenieur GmbH (Haustechnik)
Das von Johann Lucas von Hildebrandt entworfene „Schloss Oberes Belvedere“ und der von Dominique Girard geplante Freiraum bilden zusammen mit weiteren Elementen (Kavalierstrakt, Palais Schwarzenberg, Botanischer Garten etc.) ein weltweit einzigartiges barockes Gesamtensemble.
Das neue Besucherzentrum soll daher in einen starken Dialog mit dieser historischen Umgebung treten und ein selbstverständlicher Teil davon werden. So bezieht sich das neue Besucherzentrum auf die dominante Axialität des barocken Ensembles und macht die Gartenanlage des Belvederes (ein Juwel barocker Landschaftsarchitektur) in einer zeitgemäßen Übersetzung unterirdisch erlebbar.
Durch die Aufnahme der Axialität der Anlage, ausgehend vom Fluchtpunkt im südlichen Teichhof und sich von dort strahlenförmig ausbreitend, entsteht die Form des neuen Besucherzentrums. In Ost-West-Richtung werden die Strahlen durch eine bogenförmige Bewegung ergänzt, die sich aus dem Bewegungsfluss um den barocken Spiegelteich und über die Rampenanlage des Belvederes ableitet.
Die um die Mittelachse gespiegelten Strahlen, welche sich ebenfalls aus der bestehenden historischen Anlage ableiten, geben die Hauptstruktur des Gebäudes vor. Sie bilden einerseits die Statik (Träger über den Gewölbedecken) und strukturieren andererseits als Tiefpunkte der Gewölbedecken das unterirdische Besucherzentrum räumlich und funktional. Um die Verbindung zum Oberen Belvedere auch strukturell zum Ausdruck zu bringen, verengen sich die Abstände (Träger- und Gewölbeabstände) zur Mittelachse hin. Im Sinne einer intuitiven Wegführung, wird dadurch einerseits der Aufgang im Bereich der Mittalachse hervorgehoben und andererseits ein selbstverständliches Andocken an die bestehenden Deckenformen im Bereich der Hauptstiegenanlage des Oberen Belvedere ermöglicht.
Durch diese starke Bezugnahme auf das bestehende Gesamtensemble ergibt sich zudem eine natürlich anmutende und klare Anbindung an die Bestandsgebäude Oberes Belvedere, Kavalierstrakt sowie eine naheliegende Einbindung des Bunkers. Generell erlaubt die Struktur des neuen Besucherzentrums eine größtmögliche Nutzungsflexibilität und könnte gedanklich bis zum östlichen Bestandsgebäude erweitert werden. Die Krümmung des Innenraumes sowie die durchlaufenden Deckengewölbe erzeugen den Eindruck von Unendlichkeit und vermitteln somit eine adäquate Großzügigkeit.
Das Materialkonzept und die Konstruktion betonen die unterirdische Lage und verleihen dem Besucherzentrum Eigenständigkeit. Das vor Ort ausgehobene Material (Erdsubstrat) wird wiederverwendet und tritt in Form von Stampflehmwänden und Erdbetonflächen in verarbeiteter Form in Erscheinung.
Beim Betreten tauchen die Besucher*innen in eine subterrane Welt ab, die sich als Ergänzung zum barocken Garten versteht und bewusst einen Kontrast zu den weißen Bestandsräumen (Sala Terrena, Kavalierstrakt) an der Oberfläche setzt.
Allgemein versteht sich das neue Besucherzentrum als „Serviceraum“ für das Obere Belvedere und tritt gegenüber dem Bestand bewusst in den Hintergrund. Vorgeschlagen wird ein Infrastrukturgebäude, das den neuen Eingang über den Kavalierstrakt an der Prinz Eugen Straße mit der Hauptachse des Schlosses verbindet und den zukünftigen Besucherströmen gerecht wird.
Der sensible Umgang mit dem Bestand ist eines der Hauptanliegen des neuen Besucherzentrums. Alle Veränderungen im Bestand folgen dem Prinzip des minimalen Eingriffs. Es wird mit dem Vorgefundenen gearbeitet, Eingriffe auf das Minimum reduziert und nur das Notwendigste entfernt, um die ursprüngliche räumliche Identität wiederherzustellen beziehungsweise zu erhalten.
In dem Sinne wurde die Suche nach möglichen Öffnungen zur natürlichen Belichtung, welche den Vorgaben des Denkmalschutzes gerecht werden, zu einem wichtigen gestalterischen Parameter der sich auch in der Form wieder spiegelt. Drei Öffnungen wurden so konzipiert, dass sie vom Teichhof und Pfirsichgarten nicht einsehbar sind. Zwei der Öffnungen werden an den Seitenwänden der Rampenanlage des Oberen Belvederes, welche dem Teichhof abgewandt und somit nicht einsehbar sind, vorgesehen. Darunter liegen zwei symmetrisch angeordnete Belichtungskörper (Lichthöfe) welche natürliche Belichtung, Belüftung und Entfluchtung des Besucherzentrums und der Büros ermöglichen. Eine weitere Öffnung wird als verstecktes Oberlicht im Bereich der Mauer zwischen Pfirsichgarten und Teichhof in den Boden eingelassen, um den Raum „Information/Ticket“ natürlich zu belichten.